Wie banal darf Fotografie sein?

Kürzlich bin ich über einen Blog gestolpert, in welchem der Autor äusserte, in Zukunft keine „Modelle“ mehr zu fotografieren (zumindest nicht mehr so oft). Mittlerweile habe er es einfach satt, völlig sinnentleerte “Model-Bilder” gemäss dem Motto “Schöner Mensch plus Raum plus Licht = fertiges Foto” zu produzieren.

Vorneweg: Der Artikel ist ein interessanter Denkansatz und ich stimme ihm in Vielem zu. Als ernsthafter Fotograf, für den ich mich sehe, macht man sich natürlich Gedanken über seine Bilder (und die der Anderen). Niemand will (nur) sinnentleerte Bilder produzieren. Im Gegenteil. Die Fotos sollen im Gedächtnis haften bleiben, quasi für die Ewigkeit gemacht sein. Doch sind wir ehrlich, wie viele der Millionen täglich produzierten Bilder können diesen Anspruch erfüllen? Ich behaupte jetzt mal, nur eine Handvoll.

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Klar, wenn ich mein Instagram und Facebook Verhalten beobachte, stelle ich schon fest, über die meisten Fotos einfach mal schnell drüber zu scrollen. Bei dem Einen oder Anderen verweile ich vielleicht etwas länger, doch, und das ist in meinen Augen das Entscheidende, es spielt absolut keine Rolle, ob es sich dabei um ein Model-, Sport-, Architektur- oder Landschaftsfoto handelt. Ich habe übrigens jahrelang als Sportfotograf Fotos von Fussball- oder Eishockeyspielen gemacht, die schon 12 Stunden später niemanden mehr interessiert haben. Von den tausenden Fotos, welche damals in den verschiedensten Sportarten entstanden sind, blieben vielleicht 10-20 dauerhaft in meinem Porftolio hängen.

20150429_234Und ja, natürlich kann man sich auch die Frage stellen, wieso man ein Model fotografiert, ohne Auftrag eines Fashionlabels oder eines Designers. Doch man kann sich auch fragen, wieso ich das Matterhorn, den Taj Mahal oder irgendeinen exotischen Markt in irgendeinem fremden und vielleicht ebenso exotischen Land fotografieren soll. Es sei denn, National Geographic hat interesse an einer Stroy.

Meine Antwort ist ebenso banal, wie viele dieser Fotos: weil es mir Spass macht. Weil ich solche Bilder mag und sie gerne selber fotografiere. Vielleicht auch einfach, weil ich gerne in diesem Bereich der Fotografie tätig wäre, es mir aber mein Können nicht erlaubt und ich deshalb einfach versuche, mit jedem Shooting diesem Anspruch etwas näher zu kommen – und eben, weil es mir Spass macht. Und, solange ich versuche, mich täglich zu verbessern, indem ich bestrebt bin, auch Bilder mit Inhalt, mit einer Story zu machen, sollte es mir doch erlaubt sein, auch diese banalen, sinnentleerten Fotos zu schiessen.

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Um richtig verstanden zu werden. Es geht mir nicht speziell und ausschliesslich um den am Anfang genannten Blog (weshalb ich ihn auch nicht verlinke). Es gibt Dutzende ähnliche Blogs, Interviews oder Artikel mit dem genau gleichen Thema. Und immer ist da irgend jemand, der mir sagen will, was richtig oder falsch, was gut oder schlecht, was banal oder die hohe Kunst ist. Ich will einfach Spass haben und das tun, was ich gerne tue. Da soll es auch Platz für Banales haben.

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9 Gedanken zu “Wie banal darf Fotografie sein?

  1. Alles ist eine Frage der Perspektive, wie und wann in welcher mentalen Situation man eine Arbeit betrachtet, also, zu einem anderen Zeitpunkt und aus einer anderen gedanklichen Winkel, kann dieselbe Arbeit für einen selbst ganz anders aussehen. Außerdem kann „banal“ in einem anderen Kontext durchaus reizvoll interessant sein… Deine Gedanken dazu und deine Arbeiten finde ich sehr gut.

  2. Ein sehr schöner Beitrag und eine interessante Denkweise.

    Ich arbeite im Krankenhaus und die Fotografie ist ein Hobby.
    Einst hat ein alter Mann vor mir geweint. Er meinte: „Damals, war ich so hard! Nichts und niemand konnte mir was. Krankheiten kannte ich nicht und schau mich jetzt an!“ – Ein Foto aus der jugend, wo man noch kernig und sexy war, gesund und glücklich, das kann im alter bei den ein oder anderen vielleicht auch Wunder bewirken. Noch mal zu träumen und sich an die schönen Momente im Leben errinnern.
    Um dieses ausdruckstarke Foto hin zu bekommen, wie z.B. die Fotos hier im Beitrag, das ist die Aufgabe des Fotografen. Wenn die Dame auf den Bilder sich mit 70 mit ihrer Enkeltochter mal aufs Sofa setzt und stolz verkündet „guck mal, das war ich!“

  3. Spaß muss es machen, eigene Ideen umsetzen, damit zufrieden sein oder nicht und das aus den eigenen Gründen. Wie kann jemand anderes beurteilen, ob ich meine Ideen gut umgesetzt habe. Wenn ich natürlich Bilder online stelle, suche ich Kritik, die gibt es oft nur positiv. Da ich mich weiterentwickeln will, benötige ich auch die andere Seite, jemand schaut mein Bild, hat seine Idee dazu und gibt mir Rückmeldung. Hoffentlich auch negativ. Dann kann ich darüber nachdenken, etwas ändern oder eben nicht.
    Wenn ich durch die Bildermassen scrolle und eines finde, das mir gefällt, gebe ich entsprechende Rückmeldung. Wenn ich eines finde, das ich nicht toll finde, scrolle ich weiter. Auch nicht gut. Zumindestens dann nicht, wenn der Fotograf ernsthafte Rückmeldung erwartet. Aber wie kann man das wissen?
    Im übrigen: Wann hat ein Foto Sinn? Wenn ich Geld damit verdiene. Ja. Wenn zwei Fotografen das selbe Bild machen, der eine bezahlt wird weil er Profi ist, der andere nicht weil es „nur“ Spaß macht?…Perspektive.
    Ein spannendes Thema, bei dem mir spontan vieles durch den Kopf geht, vielleicht etwas unstrukturiert, aber danke für den Beitrag.
    Grüße.
    Jörg

  4. Solche Diskussionen freuen mich, denn die regen viele Menschen an, manche auf…
    Was ist Kunst? Was ist banal? Was und wer ist spießig und was nicht?……
    Wer beurteilt, wer verurteilt?…..was ist entartete Kunst, was bedeutende Kunst?
    Kunst ist immer Ausdruck der jeweiligen Zeit. Kunst in jeglicher Form sollte nicht nur in einer Demokratie Platz haben. Sie darf provozieren, individuell sein, auch banal sein…. Auch dies ist eine Aussage, ein Ausdruck.Wer definiert nun Banalität? Und wer darf es beurteilen? 🙂
    Einen schönen Abend und ich freue mich auf die nächsten Fotos 🙂

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