Anleitung zum Unglücklich sein

Wir haben uns lange nicht gesehen, lange nicht gesprochen. Gemeinsam sind wir nach der Schule und Ausbildung ins Leben gestartet. Was haben wir Pläne und Ideen geschmiedet. Zwischendurch haben wir uns etwas aus den Augen verloren. Jeder ist seinen Weg gegangen. Rund 30 Jahre sind seither vergangen. Eine lange Zeit. Aber jetzt ein frohes Wiedersehen und die Frage: „Wie geht’s? Was machst du so?“ „Na ja, man schlägt sich so durch.“
Ich kann es nicht glauben… Ich verstehe nicht, warum Leute, denen alle Türe offen stehen, durch keine hineindurchgehen. Warum sich so viele Leute mit ihrer aktuellen Situation zufrieden geben und nicht versuchen, ein erfülltes und glückliches Leben zu führen. Klar, auch meine Tage bestehen nicht nur aus eitel Sonnenschein. Auch ich habe meine auf und ab’s. Dennoch, warum tun sie so, als wäre ihre Situation ausweglos, ohne nach dem Ausweg zu suchen. Mich nervt diese Lethargie. Dieses Selbstmitleid.
Niemand muss sich damit zufrieden geben, unzufrieden zu sein. Warum ist das so? Weil man sich an das behaglich-bequeme Leben gewöhnt hat? Weil niemand den Komfort aufs Spiel setzen will? Oder wissen sie nicht, was für Möglichkeiten sie haben? Weil sie Angst vor dem scheitern haben? Ja, wahrscheinlich. Denn Scheitern ist in der Schweiz verboten! Versagen ist nicht erlaubt. Also bleibt man lieber auf der sicheren Seite, auch wenn man unzufrieden mit der eigenen Situation ist. In anderen Ländern, zum Beispiel den USA, wird gefeiert, wer oft hingefallen und wieder aufgestanden ist. In der Schweiz nicht, no way. Alles, bloss nicht versagen, bloss keine Fehler machen. Lieber schmiedet man jahrelang an einem Plan, wägt das Pro und Contra ab, überlegt hundertmal hin und her, ob es auch wirklich ein guter Plan ist und ob er funktioniert oder nicht, als es einfach zu wagen und, im schlimmsten Fall zu scheitern.
Es ist einfach hip sich zu beklagen, wie schwierig doch Alles ist. Jammern gehört zum guten Ton der Schweizer. Wir sind zufrieden mit unserer Unzufriedenheit. Wir wollen gar nichts ändern. Ja, diese Einstellung macht mich zunehmend wütender. Auch weil ich spüre, dass da ganz viel „Schweizer“ in mir drin steckt. Doch in letzter Zeit frage ich mich immer mehr: Ist es okay, wenn ich nicht leiden will? Deshalb habe ich in den letzten Wochen vermehrt auch Sachen gemacht, welche gescheitert sind oder welche sich vielleicht in nächster Zeit als Schritt in die falsche Richtung erweisen werden.
Aber ich finde, dass ich es mir schuldig bin, mich Tag für Tag so glücklich wie möglich zu machen. Wie gesagt, es gelingt mir nicht immer, vielleicht sogar noch viel zu wenig. Aber ich arbeite daran und wenn ich Fehler mache, gegen eine Wand renne oder in einer Sackgasse ende, wische ich mir den Mund ab, drehe mich um und mache weiter. Gewisse Situationen lassen sich ändern, andere nicht und wenn es auch beim ersten Mal nicht klappt, funktioniert es vielleicht beim nächsten Mal oder auch erst nach dem 10. Versuch. Das Leben ist nicht fair. Dann ziehe ich mich zurück und leide, mache vielleicht meine Frau wütend und bemitleide mich selber. Aber am nächsten Tag mache wieder einen Schritt nach Vorne und merke, dass er mich glücklich macht. Nicht weil ich muss, sondern weil ich kann.
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2 Gedanken zu “Anleitung zum Unglücklich sein

  1. Super Artikel!
    Wie du korrekt schreibst, ist versagen in der Schweiz verboten.
    Aus diesem Grund tun viele Leute Dinge nicht, die sie eigentlich tun möchten. Und das ist die schlimmste Option.
    Lieber etwas tun und scheitern als es deswegen nicht zu tun.

    Allein die Tatsache, dass du dies erkannt hast macht dich zu was Speziellem. Und dass du auch mal aus deiner Komfortzone gehst, damit hast du dir grossen Respekt verdient.

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