Gedankenbilder #16

Ich gebe es ja zu, ich bin ein Social Media Junkie. Und als solcher streife ich natürlich immer wieder durch das Internet. Was ich da zum Teil so lese und höre, lässt mich echt an der Menschheit zweifeln. Klar gibt es unheimlich guten und wissenswerten Content, aber es gibt eben auch viel Schwachsinn. Geht natürlich alles unter freie Meinungsäußerung und, um ehrlich zu sein, dient es auch meiner persönlichen Belustigung.
Wenn ich zu Hause bin, setze ich mich gerne mit meinem Mittagessen vor den Laptop und schaue YouTube. Vor allem Beiträge über und rund um die Fotografie – wen wundert’s. Aktuell schaue ich mir halt viel über die X-T3 von Fuji an, obwohl eigentlich schon alles gesagt und geschrieben wurde und es kaum mehr Neues zum Thema gibt. Zudem habe ich mir meine Gedanken und Entscheidungen diesbezüglich schon gemacht. Wozu also das Ganze? Wie gesagt, manchmal einfach zur Belustigung. Auch das muss sein.
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Vor ein paar Tagen bin ich auf einen Beitrag gestossen, der an sich schon sehr unterhaltsam war. Nicht unbedingt inhaltlich, vielmehr sprachlich. Da sind dann so Ausdrücke gefallen wie „die Kamera ist echt dope oder dieses Feature ist so nice“. Noch viel unterhaltsamer waren dann die Kommentare zum Video. Es gab vor allem einen Schreiberling, welcher den Fuji Kameras die Tauglichkeit zum Fotografieren praktisch absprach und meinte, man könne die X-T3 eigentlich nur zum Filmen gebrauchen. Wobei, auch das nur eingeschränkt, da ja das Display nicht seitlich schwenkbar ist und somit eigentlich für YouTuber die ganze Sache ungeeignet macht. Zum Schluss hat er sich dann selber qualifiziert, als er nicht einmal wusste, was denn die Fuji Film-simulationen sind.
Tags darauf gab es auf Facebook einen ähnlichen Stream, allerdings ging es dort um die uralte (und ziemlich überflüssige) Frage „Crop oder Vollformat“. Wer mich kennt weiss, dass mir nur schon beim Begriff „Vollformat“ die Nackenhaare zu Berge stehen. Aber den Vogel hat ein Kommentar abgeschossen, der tatsächlich behauptete, um richtig gute Fotos zu machen, brauche man zwingend eine „Vollformatkamera“. Als Kriterien führte er dann, wen erstaunt es, das Bokeh an sowie die höhere Auflösung dieser Sensoren. Ich schliesse daraus, dass das Bokeh eines Fotos wichtiger ist als z.B. der Gesichtsausdruck eines Portraits. Und, mal ganz ehrlich, wie viele dieser Fotografen drucken ihre Bilder grösser als A2? Wenn überhaupt. Natürlich hat ein Kleinbild- gegenüber einem Cropsensor gewisse Vorteile. Die sind aber aus meiner Sicht minimal.
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Letztendlich geht es mir aber um eine ganz andere Geschichte. Bei solchen Diskussionen frage ich mich immer wieder, wie ein René Burri, Werner Bischof oder Henri Cartier-Bresson ihre ikonenhaften Fotos schiessen konnten, wenn man bedenkt, dass deren Kameras nur einen winzigen Bruchteil heutiger Kameratechnik aufzuweisen hatten. Wenn sich alle diese Technikverliebten mit derselben Hingabe der Bildgestaltung, Komposition oder der Lichtsetzung widmen würden, müssten wir nicht tagtäglich tausende von „bildgewordener Fahrstuhlmusik“ (um mal wieder Andreas Jorns zu zitieren) anschauen.
Nicht falsch verstehen. Auch ich freue mich jedesmal, wenn ein Hersteller meiner bevorzugten Marke eine neue Kamera oder ein neues Objektiv vorstellt und oftmals ist in einem solchen Moment der „haben-wollen“ Effekt schon sehr ausgeprägt. Auch ich beschäftige mich dann mit den Neuerungen und vergleiche mit Früher und Jetzt. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Kann es sein, dass wir durch YouTube, Blogs, Facebook usw. das Augenmerk verlieren? Es geht schlussendlich gar nicht mehr um das Fotografieren, sondern um NEU NEU NEU. Der Eindruck entsteht, dass Kameras heutzutage ein Verfalldatum haben, welches sofort in Kraft tritt, sobald das Nachfolgemodell vorgestellt wurde. Auch habe ich manchmal das Gefühl, die Kameratechnik ist zu einer reinen Schw…verlängerung mutiert. Mein System ist besser, grösser oder was auch immer. Und wenn ein anderer Hersteller mein System auch nur ein klein wenig toppen kann, wechsle ich halt. Hand auf’s Herz: Wer hat in den letzten 12 Monaten einen neuen Blitz gekauft oder wer hat sich in den letzten 6 Monaten mindestens 3 neue Bildbände gegönnt?

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Seit ein paar Wochen gibt es diesen neuen Kanal im Internet: ImageCampus. In Folge 2 spricht Kaspar Fleischmann darüber, was ein gutes Bild ausmacht. Da geht es dann eben um die Gestaltung, die Aussage und den Ausdruck, mit keinem Wort aber wird auf die verwendete Kamera oder das Objektiv eingegangen. Wieso auch? Schaut da mal rein, es lohnt sich definitiv.
So, jetzt habe ich in den letzten Blogs genug gelästert. Aber all das musste einfach auch wieder einmal gesagt sein. Wenn ihr vermutlich diesen Beitrag liest, bin ich mit meiner Familie irgendwo in Europa unterwegs, um den Geburtstag meiner Frau und unseres Sohnes zu feiern. Mit dabei sein wird auch meine kleine aber feine X-T20 und ich bin sicher, es gibt ein paar schöne Fotos. Ab Montag beginnt dann meine Herbstsaison mit vielen spannenden Projekten. Eines davon sind Fotos für eine Brochüre und anschliessend stehen diverse Shootings mit sehr interessanten Modellen an. Wahrscheinlich werde ich mich wieder total überarbeiten und verausgaben, aber am Schluss dennoch an zig neuen und wunderbaren Fotos erfreuen können.
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In diesem Sinne. Bleibt interessiert und vergesst nicht zu fotografieren.
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4 Gedanken zu “Gedankenbilder #16

  1. Mein Facebook habe ich beendet, weil ich es leid war, viel Zeit für Unsinniges zu verschwenden. Bei YouTube fehlt ein Filter, der den Müll der selbsternannten Alleswisser ausblendet.

  2. du „schreibst“ mir aus der Seele … ich fotografiere aktuell mit einem underdog der Fotografenszene .. einer Pentax KP . .. und ich genieße es … klar gibt es schnellere Kameras, klar gibt es mehr Optiken bei anderen Systemen …
    Aber das geht so am Wesentlichen vorbei, dass ich mich ganz bewusst für diesen Underdog entschieden habe … ich hatte für mich geprüft was ich brauche und dann zu der Kamera gegriffen, die dem entgegengekommen ist … und bin froh darüber ….
    entscheidend sind meiner Meinung nach zwei Faktoren …. das Motiv vor der Kamera und der Typ hinter der Kamera … das dazwischen ist mein Werkzeug, mit dem ich umgehen können muss …. sonst wird es nix … vor Allem verstehe ich diesen Hype unter den Amateur-Fotografen nicht – ich bin ja auch einer – doch ich hätte wahrscheinlich immer noch meine alte Cam. wenn ich sie nicht geschrottet hätte …. und was hatte mir der Umstieg gebracht … ? … ich brauchte einen neuen PC, weil die Dateigröße schlicht nicht mehr handlebar war mit meiner alten Rübe …. die Bilder sind deshalb nicht besser geworden — nur größer … 😉 … besser werden sie durch Erfahrung und der intensiven Auseinandersetzung mit dem Motiv und zunehmender Erfahrung … in diesem Sinne – – schöne Zeit noch …. Robert

    1. Hallo Robert,
      Vielen Dank für dein Feedback. Ich bin mir absolut bewusst, dass es immer mehr Fotografen wie uns (dich, Gerhard, mich…) gibt, die so denken, aber leider gehen wir im www noch immer zu stark unter.
      Finde deine Meinung cool, mach weiter so.
      Gruss, Daniel

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